Erklärung / Pressemitteilung 5. 6. 2015

Künstlernetz THE THING schließt sich dem sozialen Netzwerk Diaspora an.

THE THING entstand 1991 als Mailbox-Netzwerk. Basierend auf der Idee hinter Joseph Beuys Sozialer Plastik verwendeten erstmalig Kunst- und Kulturschaffende allgemein verfügbare Netzwerktechnik, um in Dialog miteinander zu treten. Dabei tauschten die Knotenpunkte des Netzwerkes regelmäßig neue Nachrichten miteinander aus. Sowohl die Inhalte der öffentlichen Foren als auch Privatnachrichten fanden so in einem dezentralen Netzwerk ihre Empfänger.

Als dann gegen 1995 Zugänge zum Internet erschwinglicher wurden und größere Akzeptanz im Mainstream fanden, wurde die Infrastruktur des THE THING - Mailboxnetzwerkes nach und nach eingestellt. Vereinzelt bauten die Betreiber der The Thing - Knoten Webserver auf. Weil das Internet für jede nur erdenkliche Kommunikation geeignete Dienste zur Verfügung stellte, wurde davon ausgegangen, daß die Zeit der in sich geschlossenen Kommunikationsnetzwerke wie Compuserve, America Online und THE THING vorbei sei.

Wie falsch dieser Gedanke war, zeigt sich heute. Die großen sozialen Netzwerke wie Facebook und Google+ sind nichts anderes als großangelegte Mailboxen. Sie kommen dem menschlichen Hang nach Bequemlichkeit, sozialer Anbindung und Anerkennung entgegen. Leider werden diese Netzwerke von Konzernen betrieben, die darauf angewiesen sind, mit ihren Benutzern auf die eine oder andere Art Geld zu verdienen.

Die Folge sind Verletzungen und Einschränkungen von Privatsphäre, Datenschutz, der informationellen Selbstbestimmung und dem geistigen Eigentum der Anwender. Die Zahl derjenigen, die diese Verletzungen menschlicher Grundrechte nicht mehr akzeptieren mögen, steigt. Manche von Ihnen versuchen es mit anderen Online - Gemeinschaften, geben aber auf, wenn sie nicht schnell genug Anschluss finden. Viele sehen sich durch soziale Zwänge nicht in der Lage, aus eigener Kraft die Datenkraken zu verlassen. Ob die genannten Grundrechte höher zu bewerten sind, als sozialer Zwang, muss jeder für sich selbst beantworten. Verstand und Geschichte lehren uns, daß es keine gute Idee ist, alles mitzumachen was die anderen tun, wenn man selbst es als falsch empfindet.

Eine wirkliche Alternative zu facebook muß Open Source sein. Das heißt, sie muß quelloffene, freie Software sein. Open Source kann sich nur dann angemessen entwickeln, wenn eine Menge Leute mitmachen. Wer eine Alternative will, muß etwas dafür tun und manchmal auch auf etwas verzichten. Das ist mit sozialen Netzwerken nicht anders, als in anderen Lebensbereichen.

Wer mit der Erwartung eines Konsumenten an die Sache herangeht und erwartet, daß Open-Source-Netzwerke um neue Teilnehmer buhlen oder dieselben Funktionen anbieten, wie die etablierten kommerziellen Gemeinschaften hat nicht verstanden, daß die Dinge sich bei Open-Source-Netzwerken anders verhalten. Die Basis von Open Source ist das Mitmachen. Wer etwas ändern möchte, muss sich sein neues soziales Netzwerk erarbeiten.

Das soziale Netzwerk Diaspora ist eine Alternative. Es gibt dort keine Realnamen-Pflicht und keine Werbung. Die Verteilung von Inhalten erfolgt dezentral zwischen dem verschiedenen Servern, die pods genannt werden. Dies ist auch ein Vorteil für Diskussionen mit Teilnehmern aus Regionen mit eingeschränkter Meinungsfreiheit. Die Kommunikation untereinander erfolgt verschlüsselt. Gelöschte private Daten sind und bleiben tatsächlich gelöscht. Öffentliche Kommunikation ist uneingeschränkt öffentlich. Prinzipiell kann der Benutzer sich einen pod auf seinem eigenen Computer installieren. Wer nicht über die nötigen Voraussetzungen dazu verfügt, registriert sich auf dem Pod seines Vertrauens.

Nach sorgfältiger Abwägung dieser Faktoren und des Umstandes, daß sich Diaspora wachsender Beliebtheit erfreut, hat sich THE THING Berlin entschlossen, den Betrieb eines Diaspora-Pods aufzunehmen und in künstlerischen Zusammenhängen arbeitende Menschen zu einer Teilnahme einzuladen, um auch jenen ein soziales Netzwerk zur Verfügung zu stellen, die bewußter mit ihrer Privatsphäre umgehen möchten, oder sich dieser Kommunikationsform aus den oben genannten Gründen bislang verschlossen haben. Wer keine Einladung erhält, kann sich jederzeit auf einem der zahlreichen öffentlichen Pods anmelden. Die Inbetriebnahme des The Thing-Pods ist als Zeichen und Aufforderung zu verstehen.

Ulf Schleth
thing.org

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